Gemeindezentrum in der Gablenberger Hauptstraße

geplantes Gemeindezentrum in der Gablenberger Hauptstraße

Kirche muss Pläne nachbessernDie evangelische Kirche will das Areal oberhalb der Petruskirche – die Gablenberger Hauptstraße 90 bis 98 – komplett neu gestalten. Sie hat deshalb einen Wettbewerb zwischen möglichen Investoren ausgelobt und einen Entwurf als Favoriten ausgewählt. Im Bezirksbeirat kamen diese Pläne allerdings gar nicht gut an.

Grundsätzlich begrüßt der Bezirksbeirat, dass auf dem Areal etwas passiert. Aber während Pfarrer Hanns Günther von einer Standortaufwertung sprach und um Unterstützung für die Pläne bat, zeigten sich die Bezirksbeiräte überwiegend enttäuscht bis abgeschreckt vom Entwurf des Siedlungswerkes. Fünf potentielle Käufer haben Pläne vorgelegt, zwei lagen nach Angaben von Architekt Markus Lampe vom Büro Drees&Sommer klar an der Spitze. In die Endabwägung gingen architektonische Qualität, Nutzungskonzept und auch das Kaufpreisangebot des jeweiligen Investors ein: Danach hatte das Siedlungswerk die Nase vorn.
Seine Pläne sehen zwei winkelförmig miteinander verbundene, fünfstöckige Baukörper vor, dahinter einen Grünbereich mit einem weiteren „Solitärbau“. In dem Komplex sollen ein Kontaktcafé, ein Gemeindesaal mit 120 Quadratmetern, eine zweigruppige Kinderkrippe und insgesamt 34 Wohnungen Platz haben.
Das Urteil von Walter Böhm (CDU), der größte Gebäudewürfel sei „ein bisschen gewöhnungsbedürftig“ zählte zu den milderen Kommentaren. Zu modisch und zu massiv für diese Stelle, meinte Ulrich Rockenbauch (die Linke), Roland Hartmann (Grüne) fand die Planung „billig“. Man habe auf ein lebendiges Gemeindezentrum gehofft, stattdessen bekomme man „einen Wohnblock mit ein bisschen Gemeindenutzung“, kritisierte Ulrich Gohl (SPD).
Kritik äußerten die Bezirksbeiräte auch an der geplanten Nutzung des Gebäudes, so an der lediglich zweigruppigen Kinderkrippe. „Wir haben in dem Stadtteil einen Bedarf von Minimum 200 Plätzen für Kinder unter drei Jahren. Wenn die Möglichkeit besteht, Plätze zu schaffen, dann tun wir’s doch!“, forderte Gabriele Heller-Pawlicki (SPD).
Bemängelt wurde auch, dass weiterhin Parkplätze am Straßenrand den Gehweg einengen. Die wolle man da weg haben, mahnte die SPD, schließlich habe das Gebäude eine Tiefgarage. Thomas Rudolph (CDU) erinnerte allerdings, dass schon für den Radweg in der Schwarenbergstraße fünf Stellplätze geopfert worden seien und man auf jeden Fall an geeignete Parkmöglichkeiten für Friedhofsbesucher denken müsse.
Statt der durchgehenden Betonfassade im Erdgeschoss hätten die Bezirksbeiräte gerne kleine Ladengeschäfte, wie sie die Gablenberger Hauptstraße prägen. Dafür sah Norbert Tobisch vom Siedlungswerk jedoch nur schlechte Chancen.
Ungeklärt blieb auch das Thema mögliche Arztpraxis. Ein zunächst vorgesehenes Dialysezentrum hatten die Planer wegen des hohen Verkehrsaufkommens wieder verworfen. Die Frage, warum man nicht alternativ dazu eine normale Arztpraxis plane, beantworteten sie nicht. Auch die zugesagten Jugendräume erfüllen wohl nicht die Anforderungen. Man brauche einen abschließbaren Raum, sagte Matthias Hummel vom Jugendwerk, diesen Aspekt sehe man hier nicht erfüllt.
Jede Menge Kritikpunkte also, zu denen hinzukommt, dass die Pläne die Grenzen des hier geltenden Planungsrechts, der „Baustaffel 3“, sprengen. Fünf Geschosse, „das wäre an dieser Stelle ein wirkliches Novum“, gab Helmut Haas vom Stadtplanungsamt zu bedenken. Als Teil einer Gesamtanlage dürften die bestehenden Häuser auf dem Areal nur dann abgebrochen werden, „wenn sich das neue Gebäude in die Anlage einfügt“. Das gilt übrigens auch für die Hausnummer 98: Den „Schandfleck“ wollte die Kirche eigentlich noch 2010 abreißen, aber jetzt wird es noch eine Weile dauern. Siedlungswerk und Kirche sind dabei, ihre Pläne nachzubessern. Man greife dabei die Anregungen und Einwände auf, bestätigt Thilo Mrutzek von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde.      aia

Kommentar: Die letzte große Chance nutzen
Schön, dass sich auf dem Areal der evangelischen Kirche in der Gablenberger Hauptstraße etwas tut! Da sind sich Anwohner und Einzelhändler in der Gablenberger Hauptstraße einig. Die Gewerbetreibenden sehen hier die letzte große Chance, die als D-Zentrum eingestufte Haupteinkaufsstraße zu beleben und einen Anziehungspunkt zu schaffen.
Zusätzliches Leben bringt Verkehr, aber der dürfte bei einem Gebäudekomplex mit Tiefgarage zu bewältigen sein – vor allem, wenn Stuttgart-Ost tatsächlich wie angekündigt ein sinnvolles Verkehrskonzept bekommt. Wer wegen möglichem Autoverkehr auf Arztpraxis, Dienstleister oder Einzelhandel verzichtet, schafft am Ende allzu viel Ruhe in einer sterbenden Einkaufslandschaft.
Der Handels- und Gewerbeverein Gablenberg spricht sich deshalb klar für die Ansiedlung von Gewerbe auf dem Areal der Kirche aus. Unbedingt notwendig ist, im Erdgeschoss der neuen Gebäude großflächigen Einzelhandel vorzusehen. Kleine Ladengeschäfte, wie sie im Bezirksbeirat angesprochen wurden, schaffen es schon in Altbauten kaum, die Miete zu erwirtschaften. Dass Gablenberg bereits ein ausreichendes Angebot an kleinen Ladengeschäften hat, zeigen die vorhandenen Leerstände.
Von einem großen Frequenzbringer, der zusätzlich Kunden anzieht, könnte dagegen das ganze Umfeld profitieren. Diesen Aspekt sollte die evangelische Kirche unbedingt einfließen lassen, wenn sie ihre Pläne überarbeitet. Auch das Amt für Wirtschaftsförderung sollte noch ein Wort mitreden. Sonst könnte es sein, dass die letzte große Chance für die Gablenberger Hauptstraße endgültig vertan wird.